Ein Besuch beim Protestcamp in der Lobau

Vor 35 Jahren wurde die Stopfenreuther Au von Aktivist:innen besetzt, um den Bau eines Kraftwerkes bei Hainburg zu verhindern. Die Au konnte gerettet werden und die Gründung des Nationalparks Donau-Auen gewährleisten. Heute ist der Nationalpark wieder in Gefahr, da der Bau einer Autobahn geplant ist, die mitten durch das Naturschutzgebiet verlaufen soll. Um diesen massiven Eingriff in die Natur zu verhindern, haben sich erstmals alle großen Klimabewegungen und mehrere kleine NPOs zusammengeschlossen und kämpfen in einem Protestcamp für Naturschutz. THUS war Mitte September vor Ort im Protestcamp in der Lobau, um die NPOs zu unterstützen, mehr über die Proteste zu erfahren und eine Aktivistin zu interviewen.

Sonne, Hängematten, Zelte, Pavillons und dazwischen hängen Plakate und Banner, die einen Aufruf zur Rettung des Naturschutzgebietes abbilden. Im Protestcamp herrscht beinahe ein Urlaubsgefühl. Die Menschen sitzen barfuß in der Wiese, essen und plaudern. Sobald man sich dem Geschehen im Camp etwas nähert, merkt man jedoch sofort, dass der Urlaubseindruck täuscht. Die Menschen sind keineswegs dort, um die Beine hochzulegen und sich zu sonnen.

Es wird ernst. Die Bauarbeiten für die Stadtstraße Aspern haben bereits begonnen. Diese Stadtstraße soll ein Zubringer und somit der erste Schritt für das große Projekt „Lobau-Autobahn“ sein. Durch diesen Bau werden Grünflächen zerstört, zubetoniert und die Verkehrsbelastung erhöht. Dies stellt nicht nur ein ökologisches Problem dar, sondern auch eine massive Störquelle für die Anrainer:innen der anliegenden Siedlungen.

Wozu gibt es das Protestcamp?

Derzeit werden nach einem Beschluss von Bundesministerin Gewessler der Grünen, alle Straßenbauprojekte der ASFINAG noch einmal evaluiert, um zu überprüfen, ob diese mit den Klimazielen Österreichs vereinbar sind. Die geplante „Lobau-Autobahn“ wird in diesem Rahmen ebenfalls erneut evaluiert. Am 25. September sollten die Ergebnisse dieser Evaluierung präsentiert werden, das Datum wird jedoch regelmäßig weiter nach hinten verschoben. Bis dahin wollen die Klimabewegungen und Aktivist:innen lautstark darauf aufmerksam machen, dass es bei dieser Evaluierung nur ein Ergebnis geben kann.

Amina von „Fridays For Future“ erzählt in einem Interview mehr über das Protestcamp und das Naturschutzgebiet Lobau. Organisiert wird das für 80 Personen angemeldete Camp von „Fridays For Future“. Schon seit dem 28. August richten sich Aktivist:innen häuslich in einem Park in der Anfanggasse ein. Die meisten von ihnen befinden sich Tag und Nacht im Camp, manche gehen sogar vom Zeltplatz aus in die Schule und kommen nachmittags zurück.

Was genau passiert bei diesen Demonstrationen?

Amina erklärt, dass Kleingruppen vom Protestcamp aus zu den tatsächlichen Baustellen gehen, um dort die Bauarbeiten zu blockieren. Die Gruppen wechseln sich ab und besetzen Tag und Nacht die Baustellen. Die Proteste zeigen zurzeit ihre Wirkung, da die Bauarbeiten an drei verschiedenen Standorten gestoppt wurden. Hierbei besteht die Gefahr einer Räumung. Dies wäre für die Aktivist:innen allerdings nicht unbedingt schlecht, da eine Räumung gleichzeitig mediale Aufmerksamkeit bedeutet. Je mehr mediale Aufmerksamkeit das Protestcamp bekommt, umso mehr Menschen erfahren von den Protesten und der Dringlichkeit des Themas.

Im Camp selbst leistet man jedoch auch harte Arbeit. Es finden ständig Workshops, Besprechungen, Planungen, Interviews und animierende Gespräche mit neugierigen Passanten statt. Amina erzählt, wie sehr es sie motiviert, wenn Anrainer:innen der Siedlungen vorbeikommen, um die Aktivist:innen zu unterstützen. Einige von ihnen bringen Sach- oder Geldspenden, andere sprechen Dankbarkeit aus und manche sind sehr emotional und vergießen sogar die ein oder andere Träne. Diese Begegnungen sind nicht die einzigen Situationen, die für die Aktivist:innen berührend sind.

Alle Klimabewegungen halten zusammen

Eine Besonderheit an diesem Protestcamp ist, dass laut Amina in Österreich das erste Mal alle Klimabewegungen zusammenarbeiten. Vertreter von „Fridays For Future“, „System Change Not Climate Change“, „Extinction Rebellion“, „Jugendrat“, Bürgerinitiativen wie „Hirschstetten retten“ und einige autonome Gruppen halten in diesem Camp zusammen.

Sie alle verfolgen dasselbe Ziel. Ihnen liegt das Naturschutzgebiet Lobau am Herzen. Die geplante „Lobau-Autobahn“ ist weder mit dem Pariser Klimaabkommen noch mit den österreichischen Klimazielen vereinbar. Ein Naturschutzgebiet wird durch eine viel befahrene Straße unterbrochen und dadurch zerstört. Der Bau gefährdet sogar das Wiener Trinkwasser. 

Die Klimabewegungen bieten sogar Lösungsvorschläge, wie man die Gelder, die in den Bau der „Lobau-Autobahn“ fließen sollen, anders verwenden kann. Einige Vorschläge von „Fridays For Future“ sind der Ausbau des Fuß- und Radwegnetzes oder der Ausbau der Bahnverbindungen und sonstigen öffentlichen Verkehrsmitteln.

Wie kann man diese Proteste, die Organisationen und die Aktivist:innen unterstützen?

„Einfach mal vorbeischauen!“, sagt Amina. Es ist wichtig auf das Thema aufmerksam zu machen und darüber aufzuklären. Im Protestcamp gibt es viele Menschen, die gerne über die aktuelle Situation berichten. Im Camp sieht man auch Geld- und Sachspenden. Insbesondere Schlafsäcke, Zelte und Decken, da niemand genau weiß, wie lange es noch notwendig ist zu protestieren und die Nächte immer kälter werden. Darüber wird erst das ausstehende Ergebnis der Evaluierung Klarheit bringen. Bis dahin heißt es laut sein und stark bleiben.

Du willst dich auch für die Lobau stark machen? Am 01.10.2021, um 18:30 Uhr findet ein Benefizkonzert in der Hirschstettner Straße 44 statt. Vorbeikommen lohnt sich! Mehr Infos dazu findet ihr auf unserer Instagramseite (@thus_agency).

(Hannah Albel)

Literaturverzeichnis

Fridays For Future: https://fridaysforfuture.at/lobaubleibt/faq

ASFINAG: https://www.asfinag.at/bauen-erhalten/bauprojekte/s-1-wiener-aussenring-schnellstrasse-neubau-schwechat-bis-sussenbrunn/

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